Interview mit Christian Hochfeld

Am Beispiel der Autobranche wird deutlich, dass Klimaschutz zu einem zentralen Thema für die Entwicklung und Vermarktung von Produkten geworden ist. Welche Bedeutung kommt dabei dem sogenannten CO2-Fußabdruck von Produkten bei, zu dem Sie in Deutschland ein Pilotprojekt mit mehreren Unternehmen durchgeführt haben?
Hochfeld: Die Verantwortung der Hersteller und Händler für die Klimarelevanz ihrer Produkte macht nicht an den Werkstoren halt. Mit Hilfe des CO2-Fußabdrucks oder auch Product Carbon Footprints sind Unternehmen in der Lage, die Klimabilanz ihrer Produkte über den gesamten Lebenszyklus von der Gewinnung der Rohstoffe, über die Herstellung einschließlich der Distribution bis hin zur Nutzung der Waren oder Dienstleistungen beim Kunden und Verbraucher sowie deren Entsorgung zu erstellen. Damit können Unternehmen analysieren, wo die meisten Treibhausgasemissionen ihrer Produkte bestehen und wie sie diese am effektivsten und effizientesten reduzieren können. Das hilft, um Produktrisiken zu reduzieren und sich im Markt mit klimagerechten Produkten von Wettbewerbern zu differenzieren.
Um den CO2-Fußabdruck für den gesamten Lebenszyklus eines Produktes zu ermitteln, sind umfangreiche Daten von der Rohstoffgewinnung, der Herstellung oder der Nutzung des Produkts erforderlich. Welche Erfahrungen haben Sie mit den beteiligten Unternehmen bei der Berechnung gemacht?
Hochfeld: Die Qualität der Daten und die Sorgfalt bei der Datenerhebung ist ein Garant für die Güte und Belastbarkeit der Ergebnisse der Berechnung eines CO2-Fußabdrucks. Die Aufwendungen dafür sind etwa vergleichbar mit denen einer ökobilanziellen Untersuchung. Unsere Erfahrungen im PCF-Pilotprojekt waren jedoch, dass sich die Aufwendungen in der Regel über die gewonnenen Erkenntnisse bezahlt machen. Gerade die Erhebung von Primärdaten bei Zulieferern oder Unternehmenspartnern hatte häufig auch den positiven Effekt, dass generell eine Sensibilisierung für diese Thematik als Teil der Qualität der Wertschöpfungskette geschaffen und gestärkt wurde. Dennoch wird es in absehbarer Zeit kaum möglich sein, dass Hersteller oder Händler mit einem breiten Produktportfolio für jedes einzelne Produkt einen CO2-Fußabdruck ermitteln werden. Wir empfehlen hier, mit den für das Unternehmen strategisch relevanten Produktgruppen zu beginnen.
Ihre Erfahrungen bestätigen, dass der CO2-Fußabdruck dazu beitragen kann, im Unternehmen ein Bewusstsein für die klimarelevanten Emissionen im Lebenszyklus zu schaffen und Reduktionspotenziale zu ermitteln. Diese Erkenntnisse hat auch Bosch Thermotechnik in einem Pilotprojekt mit dem Carbon Trust in England gesammelt. Können Sie ein Beispiel nennen, wie sich diese Erkenntnisse konkret nutzen lassen?
Hochfeld: Im Rahmen des PCF-Pilotprojekts haben wir gemeinsam mit Unternehmenspartnern aus den verschiedensten Branchen an der Erstellung und Bewertung von Product Carbon Footprints gearbeitet. Dabei haben wir von der Tasse Kaffee über ein Waschmittel bis hin zum Telefon- und Internettarif unterschiedlichste Produkte analysiert. Die Erkenntnisse daraus werden in vielen Fällen dazu genutzt, die Klimabilanz der Produkte zu optimieren. Gerade wenn damit auch eine Senkung des Energieverbrauchs verbunden ist, ergeben sich auch kostenseitig zusätzliche Nutzen.

Die Erkenntnisse werden aber auch dafür eingesetzt, Standards für den Einkauf von Vorprodukten zu definieren, die generell die Qualität in der Wertschöpfungskette verbessern. Einige Partner verwenden die Ergebnisse außerdem, um mit Zulieferern oder Kunden bei der Optimierung der Produkte zusammenzuarbeiten und damit die Geschäftsbeziehungen zu festigen. Die meisten unserer Pilotpartner nutzen die Erkenntnisse, um den Verbraucher für eine klimagerechte Kaufentscheidung oder Produktnutzung zu informieren und sensibilisieren – nicht zuletzt zur Stärkung der Kundenbindung.

Ein Kritikpunkt am CO2-Fußabdruck bezieht sich auf die reine Fokussierung auf den Treibhauseffekt. Besteht damit nicht die Gefahr, dass andere Umweltwirkungen wie die Luft- und Wasserverschmutzung ausgeblendet werden?
Hochfeld: Der CO2-Fußabdruck, der sich auf die Erfassung der Klimawirksamkeit von Produkten beschränkt, kann eine Ökobilanz oder auch die Bilanzierung von ökonomischen oder sozialen Indikatoren über den Lebenszyklus nicht ersetzen. Der CO2-Fußabdruck kann nur ein Teil einer ganzheitlichen Bewertung von Produkten unter Nachhaltigkeitsgesichts- punkten sein. Wer auch die Wechselwirkungen der Klimawirksamkeit in Bezug zu anderen Umwelt- oder Nachhaltigkeitskategorien setzen möchte, dem empfehlen wir, diese entsprechend der bekannten Methoden mit zu bilanzieren. Doch Vorsicht: Einige der methodischen Fragestellungen, mit denen wir uns aktuell beim CO2-Fußabdruck beschäftigen, sind auch in den bestehenden ökobilanziellen Methoden noch nicht hinreichend geklärt.

Mittelfristig werden wir die Erkenntnisse aus dem Product Carbon Footprinting auch für die Aktualisierung der ökobilanziellen Ansätze nutzen. Positiv am CO2-Fußabdruck ist nach unserer Erfahrung, dass sich darüber viele neue Unternehmen quasi als Einstieg mit den Umweltauswirkungen entlang des Lebenszyklus ihrer Produkte beschäftigen. Der CO2-Fußabdruck führt zu einer Belebung der Ökobilanzdebatte, die wir sehr begrüßen.

Für welche Branchen und bei welchen Produktgruppen halten Sie die Anwendung des CO2-Fußabdrucks für besonders relevant?
Hochfeld: Grundsätzlich lässt sich der CO2-Fußabdruck von Produkten für alle Produktgruppen ermitteln. Besonders hohe Relevanz besitzt er für Produkte, die in der Herstellung energie- bzw. CO2-intensiv sind wie zum Beispiel Papierprodukte. Dies gilt auch für  Energie verbrauchende Produkte, die es ermöglichen, die Treibhausgasemissionen in der Nutzungsphase zu reduzieren wie zum Beispiel Kaltwaschmittel. Bei Energie verbrauchenden Geräten selbst wie zum Beispiel elektrische Haushaltsgeräte, deren CO2-Fußabdruck wesentlich über den Energiebedarf in der Nutzungsphase geprägt wird, bleibt der Energiebedarf auch weiterhin ein geeigneter Indikator für die Klimarelevanz dieser Produkte. Bei einer Reihe von Lebensmitteln sehen wir hinsichtlich der Erfassung und Bewertung des CO2-Fußabdrucks noch mit am meisten Klärungsbedarf.
In  England wurde 2008 mit dem PAS 2050 ein erster Standard zum CO2-Fußabdruck veröffentlicht. Bei der Internationalen Organisation für Normung ISO und dem World Business Council for Sustainable Development WBCSD laufen weitere Bemühungen zur Standardisierung. Ist damit zu rechnen, dass die Ermittlung eines CO2-Fußabdrucks für den produktorien- tierten Klimaschutz schon in wenigen Jahren obligatorisch wird?
Hochfeld: Der PAS 2050, quasi ein nationaler britischer Vor-Standard, stellt aus unserer Sicht noch keine geeignete Basis für die internationale Standardisierung und Harmonisierung der Methodik des CO2-Fußabdrucks von Waren und Dienstleistungen dar. Darin sind eine Reihe von methodischen Schlüsselfragen, wie zum Beispiel die Berücksichtigung von indirekten Landnutzungsänderungen beim Anbau von Biomasse oder die Bilanzierung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien noch nicht zufriedenstellend geregelt. Wir setzen uns daher für eine bessere verbindliche Regelung im Rahmen der Normungs- und Standardisierungsprozesse auf der Ebene der ISO und beim Greenhouse Gas Protocol ein. Verbindliche Richtlinien sind hier aber erst 2011 zu erwarten, die wir dann wohl auch noch über sogenannte Product Category Rules (PCR), also produktgruppenspezifische Konkretisierungen, ergänzen müssen, um die Erfassung und Bewertung des CO2-Fußabdrucks möglichst genau und vergleichbar zu machen.

Aber auch ohne international verbindlichen Standard wird die Bedeutung des CO2-Fußabdrucks bis 2011 noch deutlich steigen. Gerade in dieser Zeit wird es für Unternehmen beim Product Carbon Footprinting darauf ankommen, das methodische Vorgehen bei der Erfassung und Bewertung möglichst nachvollziehbar und transparent durchzuführen, damit die Ergebnisse die notwendige Glaubwürdigkeit erhalten. Das Sammeln praktischer Erfahrungen im Austausch mit anderen Akteuren kann den Unternehmen hier aus unserer Sicht weiterhelfen.

Supermarktketten wie Casino oder Tesco informieren bereits heute auf der Verpackung zahlreicher Produkte mit detaillierten Angaben über die CO2-Emissionen. Ab 2011 wird es in Frankreich auch eine verpflichtende Umweltkenn- zeichnung für Produkte geben. Wird es für den Verbraucher bald üblich sein, wie beim Kauf eines Autos neben dem Preis immer mehr auf die CO2-Emissionen zu achten?
Hochfeld: Die Bedeutung des Klimaschutzes im Bereich des privaten Konsums wird in Zukunft noch deutlich steigen. Deshalb braucht der Verbraucher auch verlässliche, handlungsrelevante Informationen zur Klimarelevanz von Produkten sowie deren Nutzung. Gerade vor dem Hintergrund noch fehlender internationaler Standards halten wir eine Produktkennzeichnung mit dem konkreten CO2-Fußbdruck aus heutiger Sicht nicht für den richtigen Weg, da die „nackte“ Zahl in Bezug auf die noch bestehenden methodischen Herausforderungen nicht vergleichbar und aussagekräftig genug ist. Damit kann eine Ausweisung des CO2-Fußbdrucks auf Produkten heute falsche Kaufentscheidungen bewirken oder zur Verwirrung der Verbraucher führen; zumal die Konsumenten die Schattenwährung „CO2 von Produkten“ noch nicht gut genug interpretieren können.

Aufbauend auf unseren Erfahrungen mit zahlreichen Unternehmenspartnern im PCF-Pilotprojekt sehen wir aber den CO2-Fußabdruck als sehr gute Basis, um nach neuen, innovativen Wegen jenseits eines CO2-Labels zu suchen, Kunden und Verbraucher zu informieren und einen klimagerechteren Konsum zu ermöglichen. Hier stehen wir noch ganz am Anfang und sehen deshalb einen wichtigen Schwerpunkt unserer Arbeiten im Anschlussvorhaben an das PCF-Pilotprojekt, das wir im Herbst beginnen werden.

(Die Fragen beantwortete Christian Hochfeld im September 2009)
Interview
Christian Hochfeld
Christian Hochfeld
Mitglied der Geschäftsführung Öko-Institut e.V., Büro Berlin