Interview mit Andreas Suchanek

Ethik und Wirtschaft werden gerne als konfliktreiches Spannungsverhältnis gesehen. Welche Bedeutung hat die Ethik nach Ihrem Verständnis für das Funktionieren der Sozialen Marktwirtschaft?
Suchanek: Ethik, in Form eines gemeinsamen Grundverständnisses „richtiger“ Werte wie Würde, Freiheit, Gerechtigkeit usw. ist die Grundlage der Sozialen Marktwirtschaft. Denn Wettbewerb und gesetzliche Grundlagen, die beide unverzichtbar sind für Marktwirtschaft, verlieren ihre Funktionsfähigkeit, wenn die Menschen das Vertrauen verlieren, und die Aufrechterhaltung des Vertrauens ist immer (auch) eine Sache der Verantwortung - oder allgemeiner: gelebter Werte - der in einer Marktwirtschaft Tätigen.

Zu Spannungen von Ethik und Wirtschaft kann und wird es immer wieder kommen, doch geht es dann darum, geeignete Investitionen zu finden, die Ethik und Wirtschaft, Verantwortung und Gewinn, füreinander fruchtbar machen.

Mit der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise hat das Vertrauen in die Vorzüge der Marktwirtschaft für die Gesellschaft einen bisherigen Tiefpunkt erreicht. Wie können Wirtschaft und Gesellschaft wieder besser zueinander finden?
Suchanek: Dies ist einerseits eine Frage fehlender Vertrautheit: Viele Menschen verstehen zu wenig von der Marktwirtschaft und dem, was Unternehmen und Manager leisten, um angemessene Erwartungen zu bilden; anders gesagt existieren manchmal Ansprüche, die gar nicht erfüllbar sind. Hier ist Aufklärung und Kommunikation vonnöten darüber, was man vernünftigerweise erwarten kann und welche Kosten mit Marktwirtschaft einhergehen (denn die Marktwirtschaft ist trotz der aktuellen Ereignisse nach wie vor das Beste aller Wirtschaftssysteme in der heutigen Zeit).

Andererseits ist es eine Frage des Commitments der in der Wirtschaft tätigen Entscheidungsträger und Unternehmen, sich klar zu ihrer Verantwortung zu bekennen und dies glaubwürdig zu kommunizieren. „Glaubwürdig“ heißt in diesem Zusammenhang, sicherzustellen, dass man nicht Dinge verspricht, die man später nicht halten kann, ob es sich dabei um konkrete Zusagen an Kunden, Lieferanten oder Mitarbeiter handelt oder um allgemeine Versprechen in Form kommunizierter Werte.

In vielen Unternehmen gab es in den vergangenen Jahren eine Wiederentdeckung von Werten. Auch Bosch hat seine Werte, die auf den Unternehmensgründer Robert Bosch zurückgehen, schriftlich formuliert. Wie kann ein solches Wertesystem dazu beitragen, dass Unternehmen den ungenügenden globalen Ordnungsrahmen verantwortungsvoll ausfüllen?
Suchanek: Auch hier gilt: Recht verstanden sind Werte die Grundlage der betrieblichen Wertschöpfung. Kein Mensch möchte bei einem unverantwortlichen, nicht integren, unzuverlässigen Unternehmen arbeiten oder von ihm Produkte kaufen. Das gilt auch und gerade im globalen Wettbewerb. Insofern ist es kein Zufall, dass diese Wiederentdeckung der Werte in dieser Zeit geschieht.

Dabei ist allerdings entscheidend, dass diese Werte gelebt werden, und das erfordert Investitionen in die Führungskräfteentwicklung, in die Weiterbildung und in die Governance-Strukturen. Die Werte müssen in Einklang gebracht werden mit den nicht selten herausfordernden Bedingungen des betrieblichen Alltags.

Die Umsetzung von Werten verlangt auch Mechanismen der Steuerung und Kontrolle. Hierzu gehören unter anderem Anreizsysteme, CSR-Management und Compliance. Liegt darin ein wesentlicher Schlüssel, um Innovationsprozesse und Unternehmensentwicklung auch an übergeordneten, nicht-finanziellen Zielen auszurichten?
Suchanek: Ich glaube ja! Die zuvor erwähnte Aufgabe, die Werte in den Alltag einzuarbeiten, hat viel mit den erwähnten Compliance- und Anreizsystemen zu tun. Wichtig ist, beides im Zusammenhang zu sehen; insbesondere gilt es, den Mitarbeitern verständlich zu machen, warum und wie z.B. Compliance-Maßnahmen dazu dienen, Werte wie Integrität umzusetzen.

Auch CSR-Maßnahmen im engen Sinne von Corporate Citizenship, also Spenden, pro-bono Aktivitäten, die Freistellung von Mitarbeitern für soziale oder ökologische Projekte usw. können, wenn sie professionell durchgeführt werden, ein wichtiger Bestandteil sein. Allerdings sollte man solche Maßnahmen nicht mit Unternehmensverantwortung gleichsetzen, sie sind nur ein Teil davon. Unternehmensverantwortung betrifft zunächst und vor allem das Kerngeschäft – die Art und Weise, wie man Gewinne macht.

Die Bundesregierung erarbeitet zur Zeit eine sog. CSR-Strategie, die die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch Unternehmen in Deutschland stärken soll. Dabei geht es auch um ordnungspolitische Fragen. Wie kann die CSR-Strategie aus Ihrer Sicht zur Weiterentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft beitragen?
Suchanek: Die Erarbeitung der CSR-Strategie steht noch ganz am Anfang. Die Kommission, in der ich als Vertreter des Wittenberg-Zentrums Mitglied bin, hat sich bislang erst einmal getroffen und man wird sehen müssen, wie sich die Wahlen im September auswirken werden.

Meine Hoffnung wäre, dass die Politik unterstützende Regelungen und Anreize entwickelt, um Unternehmen, insbesondere auch kleine und mittlere, noch stärker zu motivieren, diesen Fragen jene Aufmerksamkeit (und weitere Ressourcen) zu widmen, die ihnen gebührt.

(Die Fragen beantwortete Prof. Andreas Suchanek im März 2009)
Interview
Prof. Dr. Andreas Suchanek
Prof. Dr. Andreas Suchanek,
Lehrstuhl für Nachhaltigkeit und Globale Ethik an der HHL Leipzig und Vorstand des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik